Allerhand Sachen

Dienstag, 10. Juli 2012

Bulldogge (französische)

Diese leicht wulstigen Vierbeiner mit dem Knautschgesicht und der scheinbar ganz besonders feuchten Schnauze können einen wirklich triefend traurig aus ihren tränenden Augen ansehen. Wohl kein anderer Hund hat ein so starkes inneres Missverhältnis zwischen kleiner Statur und aggressiver innerer Energie. Na ja, immerhin lässt seine gedrungene Statur erahnen, dass man ein ziemliches Kraftbündel vor sich hat.

Und dann ist da der Name, der Warnung genug ist: Bulldogge. Mag die französische Variante auch die kapriziösere, noch etwas kleinere sein, ich weiss es nicht, aber wecken möchte ich die Geister in diesen Viechern auch da nicht. Immerhin wurden sie tatsächlich ursprünglich gezüchtet, wie es der Name sagt, um Bullen anzufallen - in ziemlich aberwitzigen Wettspielchen, wie sie nun mal uns Menschen so einfallen, wenn wir dummerweise etwas freie Zeit zum Vertreiben versinnleeren müssen.
Und dann erinnere ich mich da noch an eine Krimifigur, einen dicken Anwalt, der ständig so einen asthmatischen Vierbeiner auf dem Ledersofa in seiner Kanzlei liegen hatte, mit dem er in trüben Momenten um die Wette röcheln konnte.

Hunde, finde ich, gehören eigentlich ins Freie. Dafür hat der Mensch die Hundehütte erfunden. Da es dafür aber einen Garten braucht, und Mensch seine Lust am Fell und an den Streicheleinheiten, die man darauf verteilen kann, aber nicht bändigen kann, hat er scheinbar die Redimensionierung seines Bedürfnisses auf Stubenmasse zum Zuchtprinzip erheben müssen. Mit dem Ergebnis, doch noch eine Art Lebewesen ein ziemlich beschwerliches Dasein fristet - mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa sechs Jahren werden Bulldoggen weniger als halb so alt im Durchschnitt wie Artgenossen, die weniger degeneriert sind, nein, degeneriert wurden.

Sonntag, 7. September 2008

Geschenkpapier

Geschenke müssen nicht immer eingepackt werden, um zu gefallen. Aber wenn sie nicht spontan gemacht werden, sondern quasi auf Ansage, also zum Geburtstag oder zu Weihnachten, so sind sie es fast immer.
Das Geschenkpapier hat dabei ein paar grundsätzliche unverwechselbare Eigenschaften. Es ist bunt. Früher war es meist grell bunt, heute kommt es viel eher gediegen und dezent daher. Dafür glitzert es mehr.
Und es knistert. Es steht dabei eigentlich fast schon gesetzmässig auf gutem Fuss mit weiblichen Händen und widersetzt sich störrisch sperrig jeder männlichen Hand: Die einen gehen liebevoll damit um, vor allem beim Einpacken, die anderen ungeschickt und ungeduldig - beim Ein- und Auspacken.
Geschenkpapier freut uns, obwohl wir schon während dem Auspacken denken: Wie aufwendig! Worauf wir an die Entsorgung schon gar nicht denken mögen - Farbstoffe? Beschichtungen?
Ein Geschenk muss auch immer perfekter werden. Und da dies sehr schwierig zu erreichen ist, böse Zungen behaupten, das läge daran, dass wir uns immer weniger gut kennen würden, muss es mindestens mit dem Geschenkpapier erreicht werden: Also ist die Verpackung höchst selten nur einfach aus Papier, sondern hat Rüschchen, Bändchen, Schlaufen und eher zusätzlich statt an Stelle davon auch noch ein Gebambel dran. Ein Glöckchen oder Fliegenpilz sollte es nicht sein, aber irgend etwas, das exklusiv und sehr individuell aussieht, auch wenn wir es genau so wie das Papier im Regal gekauft haben.
Das einzige Problem: Es ist zu befürchten, dass zum Geschenk auch noch eine Karte gehört. Und die muss beschrieben werden.
Immerhin kann man darauf hoffen, dass die Ungeduld beim Auspacken so gross ist, dass die Karte gar nicht gelesen wird und danach zusammen mit dem Papier achtlos oder versehentlich entsorgt wird. Aber eben: Sicher können Sie nicht sein. Also müssen Sie was schreiben.
Spätestens jetzt sollte man sich also über den Adressaten Gedanken machen.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht in diesem Moment ohne Zweifel feststellen, dass Sie ein völlig unpassendes Geschenk eingepackt haben - oder einpacken liessen...

°

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Montag, 28. Mai 2007

Schmöker

Ein Wort das ich liebe. Einen Schmöker liest man nicht. Man verschlingt ihn. Du freust Dich, dass das Buch noch dreihundert Seiten hat und weisst gleichzeitig noch haargenau, was vor zweihundert Seiten passiert ist. Du vergisst die Zeit. Sie steht still. Die Welt überhaupt ist sehr still, der Kopf aber vielleicht weiss, oder die Wangen zumindest. Du fliegst über die Zeilen und es kommt Dir vor, als hättest Du nie zuvor so schnell gelesen - und doch so genau. Die Figuren stehen vor Deinen Augen, alles ist ganz klar.
Du willst nicht überlegen, nur lesen, schnell weiter. So spannend ist es.
Schmöker - dieses Wort ist für mich mehr-sinnig wie kein zweites. Es implementiert geradezu den Reiz des Buches für mehrere Sinne.
Ein solches Buch hat oft auch einen Geruch. Und das Papier ist nicht glatt, es hat Struktur. Alles lebt, teilt sich mit, atmet, prustet, streicht im Kopf und vor dem Haus herum. Alles ist möglich und nichts brauche ich mehr als eine nächste Stunde, in der, bitte, nichts läuft, auf dass ich weiter lesen kann. In aller Ruhe und doch aufgeregt, gespannt.
Gibt es eine bessere Unterhaltung?
Ein Schmöker ist ein Drehbuch für meine Gedanken, ich schreibe praktisch mit. Bitte, ich will nicht eingreifen, wünsche mir vielleicht einen Handlungsverlauf, nehme aber den Lauf der Geschichte als gegeben hin, pflanze meine Phantasie in die Gesichter der Menschen, in die Landschaften, und ansonsten geniesse ich die Dialoge und höre die Stimmen.
Ich habe einen Wälzer in der Hand, eigentlich, aber ein Schmöker ist niemals zu lang. Bei einem Schmöker lese ich immer wieder den Klappentext, und ganz zum Ende nochmals, hinten, über den Auto, weil ich nicht Abschied nehmen möchte. Was nur hat er sonst noch geschrieben?
Ich frage mich gerade, ob ich einen Schmöker eher als ein anderes Buch wieder zur Hand nehme. Ich bin nicht sicher. Den gleichen Rausch werde ich nicht ein zweites Mal erleben. Vielleicht werde ich es nochmals lesen, aber dann ganz anders, nach den Zwischentönen suchen, und so den Schmöker doch noch zum Wälzer machen, mit dem ich die Buchdeckel mal zumachen kann, um einem Gedanken nachzuhängen, einer Wendung, einen Zwischenton zu hören.
Bücher sind wandelbar. Denn wir Leser wandeln uns auch und lesen immer unser eigenes Buch.

Samstag, 12. Mai 2007

Seniorenfachmarkt

Gibt es das auch schon? Dabei haben doch eben erst die Berichterstattungen über die Kundengruppe Frauen im Hobbymarkt stattgefunden. Ziemlich logisch allerdings, dass Senioren zumindest gleichzeitig wie Frauen zum Thema werden. Aber Entschuldigung, hier geht es ja nicht zuletzt um Marketing. Und das ist erfunden worden, um unnötige Dinge möglichst grossen oder passenden Zielgruppen als nötig plausibel und dann dringend notwendig erscheinen zu lassen.
Wenn das allerdings dazu führt, dass die Konsumtempel zukünftig wieder auf 1000 qm Platz finden statt auf 3000, dann möchte ich noch so gerne Senior sein...
Zu welcher Zielgruppe gehöre ich eigentlich? Mit knapp 45 werde ich z.B. vom Fernsehen in der Zielgruppe der 16-49 jährigen noch knapp erfasst. Was heisst, dass ich in der undefinierbaren Masse beinahe untergehe.
Morgen ist Muttertag. Gäbe es einen Seniorenfachmarkt bei uns, so wäre er mogen geschlossen. Gäbe es zwei, so hätten sie vielleicht auf, Mamagerecht von zehn bis siebzehn Uhr, und ich könnte mit meiner Mutter nach dem ultimativen Teil für das Handwerkerkästchen im Stubenbuffet im Altersheim forschen. Was dort noch fehlen könnte? Der Akku-Schrauber, um sämtliche elektrischen Installationen oder deren Abdeckungen aufzuschrauben, wenn man oder frau sie schon nicht zu bedienen weiss, weil sie einfach zu kompliziert geworden sind?
Wenn ich da an meinen Videorekorder denke...
Aber die Alten werden ja immer fiter (fitter?), während die Werktätigen immer müder werden. Zumindest kommt mir das so vor, wenn ich sehe, dass im Altenheim die Besucher vor den Bewohnern einschlafen an der Weihnachtsfeier. Dafür könnten allerdings die Rentner im nächsten Jahr mit Material aus dem Seniorenfachmarkt vielleicht eine Zusatzbühne zimmern, auf der dann ein Nägelwetteinschlagen in Buchenholz Qualität 1a, unlackiert und unbehandelt, über eine Extraportion Dessert entscheidet. Aber halt, das ist an Weihnachtsfeiern ja nicht üblich. Nur, was ist schon üblich, in Jahrzehnten vorausgedacht?
Mir sind eigentlich die Senioren lieber, die ihre Söhne begleiten in den Fachmarkt, um dort die richtigen Hölzer auszuwählen oder so. Aber wahrscheinlich liegt es ja an uns Söhnen, dass Seniorenfachmärkte nötig werden. Wir glauben, keinen Rat zu brauchen. Also schaffen sich die Väter ihre eigene Welt. Auch im Konsum. Bzw. sie wird ihnen vorgeschlagen.
Niemand geht der Gesellschaft so auf den Grund wie das Marketing.

Samstag, 5. Mai 2007

Unterwäsche

Gleichzeitig werde ich gefragt, wie denn und was denn der durchschnittliche Schweizer so kaufen mag als Unterwäsche...? Keine Ahnung, Weiss auch nicht, ob ich da durchschnitt bin? Wenn gehofft wird, wir würden Jute bevorzugen, wenn möglich mit Baumharz-gestärkten Nähten, dann muss ich enttäuschen und glaube dabei sehr wohl im Namen aller Schweizer sprechen zu können, zu dürfen.
Zu meiner Schande gestehe ich, dass ich auf die Wahl meiner Unterkleider sehr wenig Zeit verschwende. Wenn ich Impulskäufe tätige, dann bei Unterwäsche. Im Multipack darf es sein, als Aktion. Bitte keine schwabbeligen Bermudas und der Tanga zwickt auch nicht nur im Auge der Betrachterin...
Während wir für die schönen Damen zwangsläufig einen schnittigeren Namen finden mussten und deshalb ganz natürlich "Slip" eingedeutscht haben, bleiben uns die Boxer-Shorts. Zum Boxen möchte ich damit allerdings nicht gehen, und kann sich eine(r) das Schmunzeln nicht verkneifen, kann ich das auch verstehen. Das einzige Mittel ist, wenn Du denn schon mal in Unterwäsche, wenn möglich noch mit Socken (!) erwischt wird, schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen - per schnell runter oder hurtig was drüber.
Ich glaube, es geht dabei auch um den Bauch und die generelle fehlende Proportionalität zwischen Bein(chen) und Wampe.
Also bleibt die Orientierung am Praktischen: Zwicken darf nix und ausleiern auch nicht. Nix schlimmeres als eine Short-Variante, die nach zwei Mal Wäsche zu schlabbern beginnt. Erinnert fatal an das Eigenleben anderer Falten...
Aber wenn's nicht zwickt und gut sitzt, ist die Unterhose im Wohlgefühl auch für mich ein Slip (Yes!) und der Beginn eines Tages, der mich so fit sehen wird wie noch selten zuvor, so gerade nach der Dusche und ohne jeglichen Schweiss vergeblicher Liebesmüh (keine falschen Gedanken, bitte, das bezieht sich auf alle Aufgabenstellungen, und die Liebe sollte ja nicht gerade eine Aufgabe sein, nicht wahr, oder zumindest nicht als erstes und bei diesem Thema).
Warum habe ich jetzt nur über die Unterhose geschrieben? UnterWÄSCHE war doch das Thema...

Dienstag, 24. April 2007

Nähkästchen

Aus dem Nähkästchen plaudern - was für eine passende Redensart: Nähkästchen, die ich kenne, haben kleine Schubladen, versteckte Winkel, Fadenspulen, die zuhinterst in einer Ecke mit einem letzten Rest genau die richtige Farbe bieten oder auch nicht. In einem Nähkästchen kann man wühlen wie in einer Damenhandtasche. So viel Nade und Faden braucht der Mensch seiner Lebtage nicht, aber es ist beruhigend, es zu haben. Nie würde man eine Nadel mit dieser oder jener Öse fortschmeissen. Vielleicht kommt der Stoff, der genau nur mit dieser Nadel bezwungen werden kann, noch ins Haus?
Derweil fallen mir die Knöpfe von den Hemden wie die Äpfel von den Bäumen, und dann ist der Gang zum Nähkästchen sehr weit. Wenn es aber, wie jetzt, auf dem Tisch steht auf der Terrasse, und das Sonnenlicht langsam die ersten Spulen, die oben aufgesteckt sind, erreichen wird und die Garne zu leuchten beginnen, dann hat dieses Kästchen und vor allem all sein Nippes etwas Heimeliges, Kuscheliges, und das Holz, aus dem es gemacht ist, hat eine Struktur, natürlich hat es die, denn alles an diesem Kästchen muss und will mir was erzählen.
Es gibt Nähkästchen für 3.90, die Sie Dir im Versand nachschiessen oder zu ein paar Tulpenzwiebeln als Bonus mit schicken, als müssten sie die Dinger los werden. Aber diese Kästchen meine ich nicht. Sie haben ein bisschen Sternfaden oder nicht mal das, und zwei drei Nadeln, gut genug für die Not aber bestimmt nicht wirklich brauchbar. Nein, ich meine die älteren dieser Dinge, die Du vererbt kriegst oder selbst zumindest nicht so leicht hergeben würdest, da musst Du tatsächlich schon unter die Erde kommen und definitiv keine neuen Knöpfe mehr brauchen, und dann wird jemand anders die kleinen Schubladen öffnen und bestimmt noch einen Faden finden, von dem Du gar nicht mehr wusstest, was nicht schlimm ist, nebensächlich gar, aber doch irgendwie schön.
Wahrscheinlich sind da auch die Ersatzknöpfe nicht weit, dieses Sammelsurium für die Not, das bestimmt viele Vorschläge bereit hält aber oft nicht den richtigen Knopf, den genau passenden, der als einziger wieder mal fehlt. Dann wählst Du einen andern aus, der dafür wenigstens einen besonderen Glanz hat oder eine besondere Politur.
Ich werde auch wieder mal einen Faden einfädeln, ich verspreche es, denn arbeiten tun wir beide nicht so gerne mit dem Kästchen. Hergeben aber ist nicht!

Freitag, 20. April 2007

Erinnerungsstück

Geht es Ihnen auch so? Objektiv betrachtet ist es vielleicht nur ein Trinkglas. Aber für Sie ist dieses Glas oder diese Tasse oder dieses Geschirr Zeuge oder Zeugin einer Geschichte. Es aufbewahren, heisst, ein Andenken haben, wie wir im Dialekt sagen. Wie ist es da erst, wenn im Alltag etwas seine Funktion erfüllt, das ein Erinnerungsstück ist. Beim Umzug meiner Mutter ins Altersheim habe ich ein paar Schöpfkellen und anderes nützliches aber altes Küchengeschirr übernommen.
Aber jeden Tag, wenn wir es einsetzen, freuen wir uns daran. Und ichwerde erinnert an ein Haus, eine Umgebung, und vor meinem inneren Auge finden sich Menschen ein, versammeln sich um einen Tisch, schweigend, und doch erzählen sie mir so viel.
Erinnerungsstücke machen uns den Wert von Gegenständen neu bewusst. Indem wir sorgsam mit ihnen umgehen, werden wir dieser Erinnerung gerecht. Das entsprechende Verhalten hilft mit, eine Arbeit, die zu diesem Stück gehört, genau so sorgsam zu erledigen, und so wird in der Erinnerung eine Alltäglichkeit besonders, und zwar im JETZT. Diese Dinge brauchen keinen Wert, um unbezahlbar zu sein, und bei einem Einbruch oder Diebstahl ist jede Versicherung lächerlich, wenn sie verloren sind.
Unersetzbar sind alle einmaligen Dinge - und die einmaligen Erinnerungen. Ein simpler Kaffeelöffel, zu Millionen hergestellt, kann für mich dennoch genau der EINE sein.
Wie wäre besser zu fragen, was denn die tiefere Wirklichkeit der Dinge sein möge, wenn zwei Menschen einen Gegenstand so grundverschieden sehen können?
Ganz offensichtlich kann etwas nur einen Wert haben - und ihn behalten - wenn wir ihm diesen Wert geben und uns entsprechend daran erfreuen.
Was mich daran reicher macht als andere, fordert mich bei einfachen wie wertvollen Dingen erst recht heraus: Dieser in einer Sache liegende Wert ist eine Erinnerung, manifestiert, ja, fast materialisiert in diesem Objekt. Ich kann es hegen oder weglegen. Ja, auch das. Irgendwann mag eine Erinnerung verblassen. Wir legen sie in eine Truhe. Ganz davon trennen, das scheint uns nicht opportun. Ein Versuch, etwas festzuhalten. Warum muss der Abschied auch in Dingen wohnen?

Sonntag, 15. April 2007

Sommerkleidung

Jetzt kommt sie also wieder, die Zeit, in der wir nur das Notwendigste anhaben und Kleidung mehr Sonnenschutz denn irgend was anderes ist. Dabei wäre es so nett, sie wäre und bliebe auch ein Sichtschutz. Allzu oft blendet nämlich die Sonne viel zu wenig, als dass ich nicht bemerken könnte, wie selbstverständlich vor allem wir Männer unsere unvorteilhaftesten Seiten, von denen es dreiminsional so viel zu viele gibt, zur Schau tragen.
Es ist wirklich unglaublich, wie sehr sich die Werbung, so höre ich es auf jeden Fall immer wieder, nach dem Gusto von uns Dreibeinern ausrichtet und sich in der Folge die Königinnen der Schöpfung nach dem Gutdünken von uns herrichten, während wir in Schlabberbermudas und vierkantiger Sonnenbrille quadratisch praktisch gut in Strandsandeletten durch die Gegend schlurfen.
Niemals wird uns die Zivilisation unvorteilhafter bewusst als dann, wenn Mann zu schwitzen beginnt. Wahrscheinlich ist es uns selbst zumindest unterbewusst so peinlich, dass wir just auf der Spitze dieser Entwicklung meist in Urlaub fahren. In der Ferne ist es erträglicher, irgendwie, und weniger peinlich, so dass wir daselbst durchaus enthemmt unsere überflüssigen Pfunde vor uns her schieben können, ohne dass es dem Nachbar nicht gefallen würde.
Und auf den Fotos zu Hause erkennt man dann, dass es nett war im Urlaub, aber angesichts der Zustände halt doch nur ein Beweis, dass zu Hause alles besser ist. Und da ist die zu tief sitzende Bermuda-Hose und was auch immer sonst noch peinlich sein mag, nur eine Laune der Lässigkeit, angesichts der Tatsache, dass wir es doch eben besser machen als der Rest. Schliesslich fahren WIR so seit in Urlaub und nicht die anderen.

Also, wenn ich mich selbst nicht vor den Spiegel denke und mich ganz bescheiden in ein Café denke, so vor eine Flanierzeile in der Innenstadt, dann schaue ich gerne den Sommerkleidern zu. Denen, die sich um schlanke Hüften legen und um braune Waden wehen, die Trägerinnen geradezu dazu ermuntern, beschwingter zu gehen, und die Sonne scheint plötzlich so, dass ich sie auch wahrnehme. Und dann sehe ich ihn, diesen gut aussehenden jungen Mann, der zwanzig Kilo weniger hat als ich und auch so eine prahlerische Sonnenbrille, so dass ich gar nicht sehe, wie gut er aussieht, und doch weiss ich es. Und ich seufze ganz kurz, doch dann lächle ich. Denn was er erlebt, kenne ich doch, und es ist Erinnerung, die zur beständigen Liebe wurde, heute wie vor zwanzig Jahren, auf einer Steinbank, in der lauen Sommernacht, die es nur für uns gab, und wie ich Dich bewundert habe in Deinem Sommerrock, und wie schön es war, zu wissen, dass ich der glücklichste Mensch auf Erden bin.

Mittwoch, 4. April 2007

Lederhose

Hoppla, das hat man davon, wenn man sich darauf einlässt, das Stichwort vorgezeigt zu bekommen... mal sehen...
Ich scheine ein Stadtkind zu sein. Natürlich kommen wir auch die Schuhplattler in den Sinn in ihren Latzhosen und Wollstrümpfen und den schweren Schuhen, und ich höre das Stampfen der Füsse auf den Brettern...
Aber eigene Erinnerungen oder Assoziationen kreisen dann doch eher um das glänzende, schwarze, enge und kühle Beinkleid langer Währung, das ich nie besessen habe.
Als junger Mann schien es mir ein mögliches Zeichen des Aufbegehrens, der Provokation zu sein. Ich sah sie gern, die Hose, an anderen. Aber ich war viel zu brav - man mag nun den Spiesser erkennen - und trug den Gedanken im Kopf, während ich am Körper weiter die Sachen austrug, die mein Bruder neun Jahre zuvor schon nicht gemocht hatte.
Wir gehen mit Tieren schändlich um, keine Frage. Aber Leder hat definitiv etwas sinnliches, ist nie tot, es fühlt sich gut an, wenn man es trägt, und auch, wenn man es von aussen berührt.
Wer Leder trägt, signalisiert Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein.
Dass die städtisch urbane Variante das Leder bearbeiten "muss", glänzend macht, (ver-)färbt, ist irgendwie logisch.
Der Erdige lässt dem Leder seine rauhe Struktur, gegerbt durch Luft und Wind, und nie mit dem Weitergerben ganz zu Ende.
Leder erzählt tausend Geschichten, ist immer individuell, kein Stück ist wie das andere, selbst industriell gefertigt lässt sich mit unserer Disromantik der Massenfertigung und -abfertigung dem Produkt nicht die Individualität rausmaschinalisieren.
Leder verführt.
Warum?
Leben wir wenigstens so, wie es diese Haut immer tut?
Wie steht es um unsere eigene Haut? Fühlen wir uns in ihr wohl, schenkt sie uns Stärke? Wie ist es um unser Leder bestellt, unser eigenes, in unserer Nacktheit?

Dienstag, 3. April 2007

Leinwand

Eine Leinwand ist eine Herausforderung. Wie für den Schreiber das Blatt Papier ist sie zuerst vor allem eines: Leer. Doch im Gegensatz zum Papier ist sie nicht einfach nur weiss. Oft hat sie eine Struktur. Sie kann geradezu körnig sein, spricht Fingerkuppen an und spielt mit dem Licht, vor allem, wenn sie von diesem schief angesehen wird...
Die Leinwand ruft ein bisschen nach dem Pinsel. Sie WILL gestaltet werden, geschmückt, will Botschafterin sein. Sie möchte gut behandelt werden, nicht zu trocken, gespannt werden, den Druck des Pinsels fühlen, ihm nachgeben und so viel Widerstand leisten, dass der Schwung oder der Punkt geführt bleibt und der Maler mit seinen Augen- und Kopfbildern auf der Leinwand kommunizieren kann.
Wie riecht eigentlich Leinwand-Leinen, wenn Pinsel und Farbe noch fern sind?
Ich liebe dieses elfenbeinweiss, Eierschale. Leinwandweiss ist bescheiden. Im Gegensatz zu einem Wandputz will es nicht selbst schon Farbe sein. Es stellt sich ganz in den Dienst des Malers, nimmt sich zurück und wird gerade dadurch einladend. Warum eigentlich gibt es Leinwand nicht auch als Tapete? Sieht man sie an, so stelle ich mir vor, sähe man vielleicht seine eigenen Bilder, aus Kopf und Herzen, sich mit dem Licht auf die Wand werfen.
Die Leinwand - sie hat Eigenschaften, für die ich sie liebe.
Ich wünschte, ich könnte für Menschen manchmal Leinwand sein und sie zum Gestalten animieren. Ihnen Projektionen erlauben, die ihnen die Kommunikation mit sich selbst erleichterten.
Ich liebe die Sinnlichkeit des erwarteten kreativen Prozesses, der von einer Leinwand ausgeht. Und ich beneide den Maler darum, dass dieses Warten auf den Pinsel irgendwie weniger fordernd erscheint, als das flachere Weiss des leeren Blatt Papiers vor mir.
Aber wahrscheinlich täusche ich mich da, und die oben beschriebene Struktur, das darin liegende Locken, kann dem blockierten Schöpfer eine um so grössere Pein sein.
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