Mensch

Donnerstag, 30. April 2015

Meinung

"Weiss nicht" zu sagen, ist irgendwie uncool. Schulterzucken ist dennoch häufig. Fatalsimus für die Gleichgültigkeit, in der wir oft leben, ein zu grosses Wort.

Aber wir bilden uns ja doch laufend eine Meinung. Sie ist oft eher schon ungefragt da und manchmal viel zu schnell kund getan. Meinung will oft recht haben, obwohl sie nicht weiss. Sie hat was gehört und das in der eigenen Vorstellung verdichtet. Sie ist das Ergebnis einer mehr oder weniger grossen Begabung, die Komponenten des eigenen Wissens oder dessen, was man dafür hält, zu einer Konklusion, einer Schlussfolgerung verdichten zu können. Und dann ist Meinung auch oft schon Wahrheit für uns. Und im Zweifelsfall, also, wenn sie angezweifelt wird, muss sie verteidigt werden. Deswegen fällt Menschen, die gut argumentieren können, ein Sieg fast immer zu: Sie haben das letzte Wort. Sie können bei ihrer Meinung bleiben. Und das ist oft schade. Und im Grunde eine Form der Armut, und nicht etwa ein Privileg.

Denn wenn die Meinung recht behalten muss, dann lernt sie nicht. Wenn die Meinung aber bedenken will, nicht nur zum Denken Anlass geben will sondern auf das gleiche Angebot hofft, dann wird daraus - eine Diskussion, womöglich gar ein Gespräch. Was zur vertieften Meinungsbildung führt, bzw. dazu, überhaupt in die Lage zu kommen, sich eine Meinung zu bilden.

Wer in eine Diskussion steigt, in der Absicht, mehr Ansätze, Anstösse, Informationen zu bekommen, um wirklich zu einer eigenen Meinung zu kommen, der disputiert nicht um des Disputierens willen, er bemüht sich um die Findung der eigenen Position, abgesichert durch den Widerspruch, der vor der eigenen Überzeugung nicht Bestand haben konnte. Meinung bestärkt nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen. Meinung mag nicht bilden, aber ausbilden: Die Fähigkeit, mit dem beschränkten Wissen, das wir alle haben, einen Weg beschreiten zu können, eine Sicht anzunehmen, in dessen Blickfeld sich weitere Orientierungen anbieten werden.

Donnerstag, 7. August 2014

Zynismus

Zynismus ist pure Rhetorik, die messerscharf daher kommt. Ich schneide die Worte ab, die ein anderer gar nicht mehr denken, geschweige denn aussprechen soll. Ich spüre blossen Unmut. Unwillen. Alles in mir ist auf Rechthaberei gestellt, ich mag den Konflikt nicht aushalten - oder gestehe dem andern gar nicht erst zu, mit mir einen Konflikt zu führen.

Zynismus kann nicht streiten. Zynismus schlägt zu, und dann die Türe zu.
Zynismus ist eine Schutzhaltung, manchmal auch ein Angriff auf Vorrat: Vorbeugung, weil man ahnt, was einem blühen könnte, liesse man sich auf Repliken ein.

Zynismus ist für Rhetoriker eine grosse Versuchung. Wer gut formulieren kann, den verbalen Zweihänder auszupacken versteht, und sich dann auch noch gerne reden hört, der teilt schon mal aus, wenn der Gegner schon am Boden liegt.

Zynismus ist verschlagen, bösartig, er blendet hundert Dinge aus, um auf dem einen anderen Ding rumzureiten. Und er ist selbstgefällig, wird oft aus einer eigenen Verletzung heraus heraufbeschworen, und wenn dem Rhetoriker dann nicht Paroli geboten wird, kann man sich wunderbar darin suhlen. Wunderbar? Verheerend! Denn solche Zyniker werden zu sehr einsamen Menschen, die sich am Ende nur noch bestätigen können, dass die Welt so schlecht ist, wie sie diese selber sehen.

Zynismus findet kaum Beifall. Lachen kann man darüber ganz bestimmt nicht, allenfalls mag man schäbig grinsen, wenn jemand anders sein Fett wegkriegt. Zyniker sind bösartig, und man wird ihnen immer unterstellen, dass sie sich einfach selbst nicht aushalten und deshalb über die Welt hinweg kotzen müssen.

Wenn ich zynisch werde, habe ich mich verloren. Dann ist es wirklich Zeit, die Klappe zu halten und zu sehen, dass ich nicht noch mehr anrichte. Wieder in die Spur kommen und aus dem Zynismus heraus Fragen zu stellen beginnen, kann helfen:

Warum mache ich das? Vielleicht folgt dann eine Entschuldigung gegen aussen - und vor allem eine Versöhnung gegen innen.

Montag, 24. Februar 2014

Wachstum

Bäume wachsen in den Himmel, und sie verwurzeln sich.
Menschen wachsen in die Breite, und entfernen sich.

Wir reden von Wachstum und meinen das Mehr an Wohlstand, Einkommen, Konsum, Habitus, Anerkennung, Erfolg.

Und je grösser dieses Mehr, um so mehr finden wir, dass ein jeder seines Glückes Schmid sei.

Wir verlieren den Boden. Mit Wachstum meinen wir nicht Zeit, Erkenntnis, Bodenhaftung. Unsere Sinnfindung berührt immer weniger die Seele. Gott ist tot. Und der nächste Reibach die einzige Wahrheit. Den grossen Schnitt machen, den Wettbewerb annehmen und bestehen. Das scheint alles zu dominieren. Idealisten sind Gutmenschen, und lacht man über sie, so merkt man nicht mal mehr, was man selbst verloren hat.

Der Sieg des Kapitalismus, diese grenzenlose Möglichkeit, das System wirtschaftlicher Gesetzmässigkeiten so zu implementieren, dass der Einzelne abgefedert bleibt - wir haben es so was von gründlich verpasst. Denn wir huldigen dem Wettbewerb wie dem goldenen Kalb, und wir verkennen dabei, dass der blanke Wettbewerb nichts anderes verspricht, als dass es am Ende nur einen Sieger gibt. Denn der Wettbeweb gibt sich nie zufrieden, er hört nie auf. Der Sieg kann immer noch vollständiger sein. Wenn da drei sind, fressen zwei den dritten - und sind es noch zwei, so will einer die alleinige Herrschaft. Und erreicht er sie, so wird er das Rad so überdrehen, dass er doch untergeht. Das ist das Einzige, was sich gleich bleibt und woran wir am Schluss am Schopf gepackt werden und doch wieder Natur werden, also Staub.

Denn es gibt keine Sieger über andere. Es gibt nur Sieger, die mit sich selbst leben und lieben lernen. Die also wirklich gewachsen sind.

Sonntag, 30. Juni 2013

Selbstbestimmung

In unser Gesellschaft ist das "Selbst" in aller Munde: Selbstverantwortung (gerne politisch gebraucht als Aufforderung an andere, den Steuerzahler nicht zu behelligen), Selbsterkenntnis, Selbstverwirklichung, sie vor allem, Selbstbestimmung.

Leben können in Freiheit und Selbstbestimmung - das wollen wir alle. Vorausgesetzt dabei ist, dass wir diese Freiheit auch füllen können - doch dies kommt hinterher, im Feldversuch, wenn wir dann zurück blicken und sehen, mit wie viel Müll wir unsere Zeit füllen, die wir doch ursprünglich mal "selbst" zur Verfügung hatten...

Die Selbstbestimmung reklamieren wir also gerne für unser Leben - und wir wünschen sie uns auch für den Tod. Wir haben alle Angst vor den Schläuchen und Maschinen, aber noch viel mehr Bammel vor dem Sterben, dem Tod. Wir sagen, der Tod macht uns keine Angst, aber die Schmerzen... Aber ob das stimmt?

Selbstbestimmt sterben können, entscheiden dürfen, wann genug ist, eine Behandlung verneinen können und darin verstanden werden - oder wenigstens respektiert. Das ist viel, und meist mehr, als das, was wir mit dem Programm der Selbstbestimmung eigentlich mit der Gesellschaft abgemacht haben. Zumindest die eigene Familie, Angehörige, nahe Personen, reagieren gerne unwirsch, unverständig, zurückweisend auf diesen Akt der Verweigerung, der bedeutet: Ich will gehen, und auch du hältst mich nicht hier. Wenn jemand Abschied nehmen will, und man ist selbst nicht bereit dazu, dann gilt ein letztes Mal, dass die Selbstbestimmung immer auch Ansprüche anderer zurückweist. Und nicht nur fremde Erwartungen, sondern auch solche aus dem eigenen engen Umkreis, der eben ein Kreis ist, den jetzt jemand durchbrechen will.

Das Selbst ist zu Anfang und Ende ein Ego, das allein seinen Weg gehen muss. Wenn es das will, und den Zeitpunkt bestimmt, ist es für andere immer zu früh. Oder es bricht erst jetzt auf, wie viel Leid zuvor schon war, das wir geflissentlich übersehen haben. Selbstbestimmung meint auch: Herr über die Wahrnehmung zu sein, was man selbst erleidet. Sich nicht sagen lassen, was genug, zuviel oder zuwenig ist.

Selbstbestimmt leben und sterben bedeutet, keinen Menschen zwischen sich und Gott zu lassen. So es ihn gibt, so wohnt er in diesem Selbst, und ein gläubiger Mensch ist vielleicht nie so souverän in seinem Selbstverständnis, wie in der Weise, in der er die Reise zu seinem Gott antritt - so es die medizinischen Umstände überhaupt erlauben - in einer Welt, die den Tod oft negiert und je länger je mehr schlicht als Niederlage begreift.

Sonntag, 18. November 2012

Information

Wir finden, Information ist wichtig. Wir folgen diesem Impuls jeden Tag und "informieren" uns. Die tägliche Tagesschau, das Echo der Zeit über Mittag - BBC -Nachrichten in gewissen Krisenregionen.
Wir informieren uns - und entsprechend wichtig ist der Status, den diese Nachrichtenboten für uns haben, denn, wenn wir genau auf uns achten, dann stellen wir fest:
Wir informieren uns - und nehmen dabei für bare Münze, was wir lesen. Wir stellen noch nicht mal in Rechnung, dass jeder Betrachter, Korrespondent und Reporter nicht nur einen persönlichen Blickwinkel hat, wir vergessen auch, dass das, was er selber wahrnimmt und verarbeitet ein persönliches Erleben und Deuten ist, das nur einem Erleben unter Tausenden entsprechen kann. Und dann hören wir uns sagen:
In Palästina IST dies und das "eine Sauerei". Oder wir sind für oder gegen ein Regierungsprogramm, einen Krieg etc. Wir fühlen uns gestützt, bestätigt oder überzeugt durch Berichte, Kommentare und Reportagen. Und die Macht des Bildes ist ganz besonders stark, by the way.

Jetzt, im Zeitalter von Facebook und vor allem Twitter hat sich die Information verselbständigt, die Quellen sind nicht mer unitär oder gar elitär, sie sind vielfältig geworden - und die Tatsache, dass sich der Twitterschwall nicht oder kaum aufhalten, kanalisieren oder filtern lässt, veranlasst uns dazu, eine neue Demokratie der Informationsfreiheit aufziehen zu sehen - eine, die autonom ist, weil nicht kalkulierbar - und sie kommt direkt aus dem brodelnden Herd des Konflikts. Wir halten die Lobrede auf Facebook und Twitter und ihre Bedeutung für den arabischen Frühling, wir freuen uns über die Mühe, die diktatorische Regime haben, den Inflationsfluss einzdämmen oder zu unterbinden.

Aber diese Freude dürfte von kurzer Dauer gewesen sein. Wenn das Internet und Twitter je unschuldig waren - von Facebook hat das niemand wirklich erwartet, schon von dessen Anlage her nicht - dann dürfte das mit dem Gaza-Konflikt vorbei sein. Denn nun wird uns sehr offensichtlich vor Augen geführt, dass die Parteien selbst den Kampf über Twitter führen - mit Information und Desinformation. Und da die Urheeber der Tweets anonymisiert auftauchen und wieder verschwinden, ist der Wahrheitsgehalt der Inhalte erst recht nicht zu prüfen.

Wenn uns dann die eine Seite eine bewusste Manipulation der andern Seite vorführt, dann fühlen wir uns selbst sofort beschissen - und auch dieser Möglichkeit beraupt - mögen wir auch die Meldungen der einen Seite retweeten, weil wir uns längst eine Meinung gebildet haben - eine subjektive eben. Aus welchen Quellen auch immer.

Montag, 31. Oktober 2011

Idee

Eine Idee - ein Gedanke, wie wir ihn vielleicht zu tausenden tagtäglich haben. Aber manchmal, ganz selten vielleicht, steht er uns zuvorderst - und wenn wir ihn dann packen, dann, ja dann kann er vielleicht ein Sämchen werden, das wir in die Erde pflanzen, dorthin, wo in unserem Kopf der Mut wächst, um ein Projekt wirklich anzugehen.

Meist läuft es ja anders: Wir sind gegenüber unseren Impulsen, unseren Ideen, die ersten Kritiker, und die gnadenlosesten. Wir schmeissen jede spontane Idee in die Tonne, als würden wir damit uns selbst gleich noch tadeln wollen, gleichsam erschreckt ab so viel Originalität.

Wo kommt sie eigentlich her, so plötzlich, diese Idee? Und wie ändern wir unsere Reflexe und nehmen einmal auf, was uns so alles an einem Tag einfällt?

Wie wäre es mit Aufschreiben? Heute haben wir iPad, Handy-Notizfunktion oder den guten alten Stift samt Zettel meist gar nicht unerreichbar weit weg. Wenn wir "es" aufschreiben, fangen wir den Gedanken einmal ein und legen ihn hin. Nicht wirklich weg. Auf jeden Fall liegt er noch nicht in der Tonne.

Die Idee hat mit uns zu tun. Wo auch immer sie herkommt, sie ist eine Reaktion auf unsere Empfindungen und Wahrnehmungen, ein Stück Kreativität - und auch ein Indikator dafür, was wir in unserem eigenen Leben verbessert haben möchten. Ideen sind Leben, Lebendigkeit, das Ergebnis von Neugierde und Mut zu Naivität und Farbe. Vielleicht aber ist die Idee auch eine ganz praktische Schwester und legt eine einfache Änderung der eigenen Organisation nahe - und schon haben wir davon für viele weitere Handreichungen des weiteren Lebens eine Hilfe für uns geschaffen. Oft ist es doch so:

Wir sind uns gar nicht bewusst, wie viel gestalterische Kraft unser Hirn tagtäglich aufbringt, wie praktisch wir eigentlich sind. Wenn wir uns aber beobachten lernen, werden wir feststellen, dass da viel mehr wäre - wir müssten es nur zulassen.

Der Appetit kommt mit dem Essen. Und um eine Idee zu verwirklichen, sind oft weitere Ideen gefragt. Wir können davon eine ganze Menge entdecken - und dabei selbst unser Leben farbiger machen, zum Erlebnis. Selbst dann, wenn die Ideen scheitern - NACHDEM wir sie geprüft haben.

Samstag, 22. Oktober 2011

Schock

Wir können es in den Nachrichten hören, und haben den Ausspruch wohl auch selbst oft sehr schnell auf den Lippen:

Etwas "Schlimmes" geschieht - und wir sind schockiert. Das Wort hat eine inflationäre Häufung erfahren - und nutzt sich dabei ab. Dabei müssten wir uns doch selbst bei den furchtbarsten Ereignissen immer auch fragen:

Was bedeutet unsere Reaktion? Liegt ein solches Geschehen nicht immer in der Natur des Lebens? Da es keine Garantien auf Unversehrtheit gibt, ist jede Form von Katastrophe immer möglich. In der Art und Weise, wie wir solche Dinge kommentieren, legen wir auch offen, wie weit weg wir von diesem Bewusstsein in unseren sorglosen Alltagsverstrickungen sind.

Besonders störend wird es, wenn wir "schockiert" sind über Dinge, die nach Hörensagen geschehen, also gewissermassen weit weg sind (und im Grunde bleiben). Denn, sind wir ehrlich, kurz nach dem "Schock" hat uns unser Alltag wieder.

Wäre es da nicht viel ehrlicher, tiefgründiger und wertvoller, wir würden das nächste schockierende Ereignis dazu benutzen, uns wieder einmal bewusst zu machen, dass nichts, wirklich rein gar nichts an unserem nächsten guten Tag selbstverständlich ist. Und würde bei uns allen nicht mehr Platz für einen Moment der Trauer bleiben, wenn wir das mit dem Schock ganz speditiv hinter uns liessen und dem Leid wirklich einen Moment Aufmerksamkeit schenken würden? Hinter dem Schock als Sensation steckt unsere eigene Angst - oder die sofort einsetzende Verdrängung eines Verlustes.

Ist dieser Verlust ein tatsächlicher, berührt er mein eigenes Leben, stirbt ein Freund oder geschieht ein Unglück, ein Unfall in meinem engen Bekanntenkreis, so ist doch erst recht "Schock" ein untaugliches Wort. Wir sind bestürzt, aufgewühlt, traurig, hilflos, möchten die Uhr einen Tag zurück drehen und eine Weiche stellen können - und wir hadern mit dem, der es an unserer Stelle nicht getan hat, egal, ob wir überhaupt an ihn glauben.

Und wer schockiert ist über ein bestimmtes Verhalten anderer, das er nicht goutieren mag, ist auch in diesem Urteil oft so vorschnell, wie laut: Niemand muss billigen, was andere tun, und er kann und soll es für sich selbst mit jenen Regeln halten, die ihm Orientierung und Sicherheit geben - und seinen Nächsten mit ihm. Wer aber schockiert ist, möchte am Ende ganz schnell mit anderen im Verbund den Zeigefinger erheben - das kann mich immer wieder mal tatsächlich schockieren - wobei auch ich mit dieser Aussage ganz bewusst schon eine gewisse Polemik ins Spiel bringe - einen Hader, der sich eine Korrektur des Faktischen wünscht...

Dienstag, 8. März 2011

Gleichgewicht

Die Erde, die Natur, sagen wir, gerate aus dem Gleichgewicht. Wir sind eine zu grosse Bealstung für sie. Aber stimmt das auch?
Gerade, weil die Erde doch reagiert, weil die Natur sich verändert, wird doch dadurch das immerwährende Gleichgewicht bewiesen und bewahrt: Die Katastrophe ist nötig, damit ein wieder ruhigeres Gleichgewicht entsteht.

Nach dem Beben der Erde gibt es eine neue Ruhe, nach der Flut neues Wachstum... Was wir erkennen und verhindern wollen, ist die Veränderung. Das Gleichgewicht, das innerste Lebensprinzip, der Ursprung allen Werdens - wir sind ein Teil davon, und deshalb vermögen auch wir dies niemals auszulöschen. Wir können uns selbst ins Verderben reiten, und wahrscheinlich noch viel gründlicher, als wir das heute für möglich halten. Und vielleicht auch viel schneller. Aber die Erde wird nur wegen uns nicht untergehen oder verglühen.

Es ist in allem unsere unglaublich verbretterte, unvernetzte, kurzsichtige Denke und Beobachtungsfähigkeit, die uns nicht die nötige Sorgfalt für uns selbst entwickeln lässt, aber erst recht nicht den Blick für alles, was viel gewaltiger über uns herrscht, als es wir je erfassen könnten.

Wenn unser Hirn sich im Triumph versteigt, wir hätten die Welt und uns selbst entschlüsselt, so gerät dadurch allenfalls unser eigenes inneres Gleichgewicht durcheinander. Mit dem Prinzip, das uns überhaupt zu solchen Sichtweisen verleitet, bleibt alles in Ordnung. Wir erfüllen das, was uns bestimmt ist. Als Menschheit. Der Einzelne aber kann sehr wohl zu seinem ganz persönlichen Gleichgewicht beitragen.

Nirgends steht geschrieben, dass ich den Konsumrausch teilen muss, die Muslimangst oder den Nachbarneid. Ich kann sehr wohl sehr gelassen das Gleichgewicht des Friedens wahren, zu dem ich in mir alle Talente mit angelegt bekommen habe, lange vor dem Tag, an dem meinem Mund zum ersten Mal die forderndsten Schreie entwichen sind, die man sich vorstellen kann. Oder war darin Angst, Anklage, Schrecken - oder als Antwort und Beruhigung Fürsorge, Liebe und Güte?

In uns liegt das Geheimnis unseres Gleichgewichts. Mehr haben wir uns und der Welt nicht zu bieten.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Eigenverantwortung

Ich glaube, ich stehe mit keinem anderen Wort so sehr auf Kriegsfuss, wie mit diesem Begriff. Warum? Weil ich glaube, dass die Art, wie wir diesen Begriff heute anwenden und was wir damit einfordern, sehr viel aussagt über die Veränderungen in unserer Gesellschaft.

Eigenverantwortung wird heute von den Politikern eingefordert, an den einzelnen Bürger gerichtet, der dazu anzuhalten ist, selbst für sich zu sorgen. Der Einzelne muss für sich selber denken.

Das ist nicht falsch. Aber doch irgendwie verheerend: Mit der Eigenverantwortung schwimmt die Selbstverwirklichung mit: Wer niemandem auf der Tasche liegt, kann daran denken, sich selbst zu verwirklichen. Die eigene Gelenkigkeit und Cleverness erlaubt die Verwirklichung von Lebensmodellen mit Lebensabschnittspartnern, bis man von den eigenen Vorstellungen eingeholt wird und die einen schon wieder viel weiter hinaus denken, zum nächsten "Soll", das man dank seiner Freiheit erreichen will.

Wie schal und dumm wir doch geworden sind. Eigenverantwortung - das setzte man vor dreissig Jahren noch gleich mit dem persönlichen Beitrag an die Gemeinschaft. Eigenverantwortung meinte den eigenen Beitrag an Staat, Gesellschaft, Demokratie, Kirche, Nachbarschaft.

Ich glaube, dass wir in nichts so sehr an Armut hinzu gewonnen haben wie bezüglich des Zustands unserer Mikrowelten: Nachbarschaftsleben, Dorfgemeinschaft, Vereinswesen, Quartierbeiz, Clubhaus.
Stattdessen Schrebergarten mit Zäunen, Grosse Fernseher und geschlossene Türen, Internet statt Spaziergang, Monolog statt Dialog.

Wir leben in Kunststoff und Teer und organisieren uns die Welt herbei, die wir Zivilisation nennen und die Wachstum mit Fortschritt verwechselt. Wenn wir uns daran zu erinnern versuchen, woher wir kommen, was an uns natürlich wäre, so beschäftigen wir uns mit einer Welt, die längst gerne ohne uns wäre. Darob kann man schon verzweifeln. Oder sich trösten: Eines Tages ist Ruhe. Und neuer Kompost wird werden.

Mittwoch, 10. März 2010

Lohn

Der Versuch, eine Leistung zu beziffern. Selten gelingt er. Das Resultat ist zu tief oder zu hoch, je nach Standpunkt. Vielleicht ist er deshalb auch meist ein großes Geheimnis. Kaum einer kennt ihn, den Lohn des Nachbarn, des Kollegen. Vielleicht deshalb, weil wir selbst doch glauben, dass dieser scheiternde Versuch, siehe oben, eben doch etwas aussagt?
Natürlich tut er es. Eigentlich glauben wir doch an fast nix anderes, oder? Auf jeden Fall könnte man es meinen.
Dabei ist Lohn die viel anständigere Variante als der Bonus. Im Lohn enthalten ist das Grundverständnis, dass er gerecht ist. Zumindest für die, welche oben stehen. Schon oben stehen und da bleiben wollen.

In der Schweiz werden hohe Löhne bezahlt. Dafür sind alle Sachen auch zu teuer. Das muss geändert werden. Mit Wechselwirkungsgefahr. Diesen Wirkungen denken wir allerdings meist ein bisschen hinterher. Ist ja aber auch eine Crux damit. Ohne Lohn kann man nicht leben, aber sehr wohl arbeiten. Man kann den Lohn, ist man trotzdem satt, ja durchaus auch in anderen Dingen als Geld sehen. Das macht dich dann irgendwie unabhängig und unter Umständen doch zufrieden.
Der Mann tut das meist freiwillig, wenn er sich, zum Beispiel, in einem Verein engagiert und dort sein hohes Renommé verdienstvoll der Allgemeinheit zur Verfügung stellt. Die Frau tut es gutwillig, ist dabei aber weniger frei, wenn sie sich selbstverständlich für die Familie engagiert und die Kinder erzieht. Dabei weiss sie, welchen Wert ihre Arbeit hat - zumindest zu Beginn, und das Glück, das zurück kommt, ist eindeutig und mit nichts vergleichbar. Aber mit dem Lohn, der in keinem Arbeitsvertrag steht, ist es so eine Sache. Er hat keine Garantieleistungen. Man kann ihn sich sehr wohl auch selbst kündigen. Plötzlich sieht man sich nicht mehr so sehr auf der Gewinnerseite. Die Aufwendungen für den Lohn sind grösser, als gedacht, oder man vermisst an seinem Lohn das, was andere in dem ihren mit enthalten glauben: Eine Art öffentliche Anerkennung. Die Arbeit der Krankenschwester wird respektiert. Davon hat sie zwar nicht mehr im Geldsäckel, aber immerhin. Und die Mutter, die Familienmanagerin, das handwerkliche Genie und die Führungspersönlichkeit, welche Lehrer, Ausbildner, Erzieher und Seelsorger in einem ist? Sie sollte sich immer auch Zeit für das persönliche Lohngespräch mit sich selber nehmen.
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Thinkabout - 2014.08.08, 03:01
Ein richtig guter Text!
Ein richtig guter Text!
iGing (Gast) - 2014.08.07, 23:12

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