Natur

Sonntag, 10. Februar 2013

Winterblues

Normalerweise hat man als Flachländer im Winter den Blues. Es fehlt die Bedrohung, die mächtige Kraft der Natur, der schwere Schnee auf dem Schieferdach und die eingeschneiten Wegbegrenzungspfähle am Strassenrand.

Dafür bekommt man als Städter ein undefinierbares Gemisch von Matsch, Kälte, Personen in Bussen, die niesen und einen an der Grippe teilhaben lassen, noch mehr sinnloser Talk übers Wetter und mindestens fünf voreilige Ankündigungen des nahen Frühlings, bevor der nächste Kälteeinbruch obige Erfahrungen erneut abrufbar macht.

Doch dieses Jahr ist irgendwie alles anders.

Wir haben Schnee. Schnee und nochmals Schnee. Normalerweise sind 30 Tage mit Schnee schon sehr viel. Mit liegen bleibendem Schnee. Dieses Jahr pegelt sich das Thermometer knapp unterhalb der Regenfallgrenze ein, so dass uns der Schnee erhalten bleibt.

Und nun also Eistage. Erst wollte ich sie nicht haben. ich mag es nicht kalt. Doch nun geniesse ich es. Weil der Schnee auf den Bäumen gefriert, haben wir nun eine verschneite Winterlandschaft, wie sie sonst nur in Bergdörfern anzutreffen ist:

Es liegt nicht einfach Schnee im Vorbeigehen auf Dächern, Zinnen und Ästen. Er malt eine Landschaft, er lässt Zeit nicht nur für ein schnelles Foto, sondern für eine Staffelei. Dafür ist zwar auch nicht Zeit, ich weiss, aber selbst das Schneeschippen macht keine Mühe. Denn, es ist erstaunlich selten nötig. Oder dann ist der Schnee nicht schwer, sondern flockig und recht trocken.

Da nehme ich sogar in Kauf, dass der Pflug regelmässig dann vorbei kommt, wenn ich eben die Garageneinfahrt geschippt habe.

Selbst die Nachbarin nimmt das gelassen.

Es ist einer dieser Winter, die einen lehren: Es ist schön, vier Jahreszeiten zu haben. Es ist schön, zwischen der Vorfreude auf wärmere Tage den Augenblick zu geniessen und sich das Wetter nicht anders zu wünschen.

Fahren Sie sorgsam, aber geniessen Sie es auch, dazu angehalten zu werden, weil das schöne Leben eben auch lebensgefährlich ist. Mindestens im Ansatz davon eine Ahnung zu haben, das schadet gar nichts, im Gegenteil. Es macht lebendig. In vier Sprachen übers Jahr verteilt.

Winterblues? Wintermärchen! In einer wahren Geschichte.

Freitag, 6. Juli 2012

Sommerhitze

Ist sie da, ist sie ein Thema, und zwar ein quälendes, geschaffen für den schlimmsten Small Talk, und fehlt sie, ist sie es auch - wieder kein richtiger Sommer...

Die Sommerhitze, wir wollen uns jetzt ernsthaft mit ihr beschäftigen, trägt gerade dieses Jahr so deutlich und gewaltig wie schon lange nicht mehr das in sich, das allen grossen Kräften eigen ist: Das pure Gegenteil. Je schwüler die Hitze, um so gewaltiger das Gewitter, das darauf folgen kann.

Hagelschauer, wie wir sie hier erleben, kenne ich nirgends sonst auf der Welt... Es ist, als würde sich zuvor die ganze Atmosphäre elektrisch aufladen, und es fühlt sich an, als würde eine unsichtbare Hand den Sauerstoff ins Blaue heben und uns darunter nur die Schwüle lassen, welche die Zunge austrocknen lässt, während die Haut nassgeschwitzt sich klebrig mit dem bestimmt falschen Textil, das wir gerade anhaben, verbindet.

Die Sommerhitze bringt uns aber auch die Zeitlupe bei, die Entschleunigung. Plötzlich ist es allgemein verständlich, dass die Uhren langsamer laufen, und die Südländer sind gar uns nicht mehr so fremd mit ihrer Siesta von zwölf bis vier. Die faulen Säcke, zu denen wir sonst höchstens blicken, wenn wir in die Ferien fahren, sind plötzlich die Lebenskünstler, die wir zu imitieren versuchen.

Gegen die Sommerhitze hat der Mensch den Ventilator erfunden - und die Klimaanlage. Und sich damit das Phänomen erschaffen, mitten in der absolut totenstill stehenden Luft verschnieft und erkältet zu sein. Den Himmel überlisten können wir eben nicht, höchstens die Welt, die wir uns in einen Raum sperren.

Lasse es Sommer werden, aber nicht zu heiss, Petrus, und dann Winter, aber nicht zu kalt... Wir sollten vor allem eines von den Südländern lernen, vielleicht an Wissen in langen Siestas errungen: Es kommt, wie es kommt. Lass es uns erwarten...

Montag, 3. November 2008

Natürlich

Natürlich sein - wenn wir das jemandem attestieren, dann ist das ein grosses Kompliment. Wir meinen damit, dass er ganz "sich selbst" geblieben ist, vielleicht, obwohl ihm ein grosser Erfolg gelungen ist. Wir reden so von neuen Stars, bzw. bekommen es zu hören aus deren Umfeld, wobei es oft wie eine Versicherung klingt, fast ein bisschen so, wie wenn der Erfolgreiche betont, das Wichtigste wäre ihm die Familie...
Aber bleiben wir beim Thema: Natürlich sein, bedeutet also, bei sich selber sein, sich selbst sein. Was meinen wir damit? Wie können wir als lebende Wesen überhaupt anders? Können wir? Ja, wir wissen es selbst. Wir können uns verlieren, in Vergleichen gefangen sein, im vorauseilenden Denken, wie wir wohl beurteilt werden, und dann spielen wir eine Rolle, wir versuchen, Wahlkämpfer für uns selbst zu sein. Wenn wir für uns selbst werben, dann sollten wir das aber damit machen, dass wir ganz "natürlich" sind. Dass wir also nicht über unsere Wirkung nachdenken, sondern sind. Und das tun, was uns eingegeben bleibt, wenn die Eitelkeit abgelegt ist.
Wir möchten nämlich eins sein mit der Zeit, die uns so knapp erscheint, zu schnell läuft, flüchtig ist wie ein Gas und gleichzeitig bedrohlich in ihrem Fortschreiten. Wir möchten eins sein mit unserem Fühlen, möchten Körper, Gedanken und Emotionen im Einklang halten und geborgen sein in unserem Umfeld.
Wir schauen den Tieren zu, die solche Probleme nicht zu haben scheinen. Sie leben einfach. J.R. von Salis hat das so formuliert, dass er sich wünscht, er möge lernen, "wie die Tiere dem Leben recht zu geben". Da war er 90 Jahre alt, und hatte wohl davon schon eine ganze Menge umgesetzt. Und als fürwahr denkender Mensch dabei sicher selbst oft gegen die fehlende Demut gekämpft, Dinge auch einfach geschehen zu lassen. Am Ende des Lebens aber kommt man der Natur näher und wird sich zwangsläufig bewusst, dass man Teil von ihr ist und damit im Werden und Vergehen sich erfüllt sehen muss - zumindest in der für uns wahrnehmbaren Existenz.
Wenn wir das können, in der ganzen Lebendigkeit unserer Sinne, dann leben wir wirklich natürlich - und können auch natürlich finden und akzeptieren, was zwangsläufig geschieht. Wir mögen weiter nach dem Warum fragen. Aber wir finden auch dafür dann wohl eher Wahrheiten, weil wir nicht gegen das Zwangsläufige und sich Erfüllende ankämpfen wollen. Nicht länger. Wir wollen dann vielmehr Teil davon sein. Natur. Und uns endlich spüren und entdecken.

Donnerstag, 23. August 2007

Farben

Viele Tiere, habe ich schon oft gehört, sehen nur schwarz-weiss, wenn möglich gar nur in Umrissen und verzerrten Perspektiven. Aber igrend ein Sinnesorgan haben sie bestimmt, mit dem sie so viele Facetten wahr nehmen können wie wir Farben.
Farben haben eine Geliebte, ohne die sie nicht denkbar sind:
Licht.
Es gibt keinen einzigen Farbton, der unter jeder Lichtquelle unverändert bleibt. Im Grunde kann eine Farbe ihr Kleid nicht halten. Sie ist auf Gedeih und Verderb dazu bestimmt, sich im Lauf des Tages mit der Sonne und den Wolken zu verändern. Sie ist Reflexion. Sie wird vom Licht gemalt.
Man stelle sich mal vor, dass es für jedes Meisterwerk dieser Welt nur einen Ort - und vielleicht einen Moment im Lauf der Zeit gibt, zu dem das Gemälde in seinem allermeist strahlenden Glanz zu sehen wäre...

Da kann man als Kunstliebhaber ja irre werden. Könnte man.
Stattdessen ist es besser, sich diese Tatsache des sich immer wieder ändernden Lichts zum Prinzip zu machen, das einem beweist, dass man jeden Tag selbst an einem bestimmten Ort mit einem besonderen Licht die Chance hat, eine Farbe, einen Gegenstand erstmals wahr zu nehmen.
Es kann jederzeit passieren, dass eine Farbe nur für Sie leuchtet - so besonders tief und rein, wie danach niemals mehr - für niemanden.

Der Uluru in Australien - alle erzählen staunend von seinem Farbenspiel - und die Erfahrung wird durch ein bisschen Mehr im einen Fall nicht weniger berührend. Licht und Farben halten Überfluss bereit.
Jeder Farbe aber wohnt auch grau und schwarz inne. Ein bewölkter Himmel, ein hartnäckiger November, das Abblättern von Lack, das Durchfressen von Rost. Vielleicht fehlen sogar die Konturen. Zur Farblosigkeit kommt Konturlosigkeit, verschwimmend bildet sich die Flucht vor uns aus, bildlicher Verlust von Leben.
Doch die Farben sind nicht weg. Sie kommen wieder. Wie das Licht.

Und dieses Prinzip an sich ist Mutter Erde und damit die Schöperin aller Farbigkeit. Augen auf! Mögen wir wenigstens Promille davon erkennen.

Sonntag, 29. Juli 2007

Wind

Du weisst nicht, wo er herkommt, und Du weisst nicht, wohin er geht. Er ist unsichtbar, aber er trifft Dich bestimmt. Er kann Dir schmeicheln oder an Dir zerren oder Dich bedrohen.
Er vermag alles. Meist kündigt er sich an. Manchmal langsam, manchmal bleibt kaum Zeit, sich zu schützen.
Er trocknet die Haut aus, peitscht die See, er treibt Schiffe an, bewegt Wolken, bringt Stürme, reisst Nebel auf. Wind ist nicht gut, nicht schlecht. Er ist Teil des Wetters. Wir leben mit ihm, wünschen ihn weg oder herbei.
Wir fühlen ihn, wenn er da ist, und sehen, wie sich ihm alles mehr oder weniger bäugt. Die Gräser legen sich flach und knicken nicht, sich sperrende Äste aber sind gefährdet.
Wind ist lautlos? Nein, natürlich nicht. Oder doch? Der Antrieb, die Herkunft ist lautlos, was wir hören, ist das Ächzen der Materie, das scheinbar Feste, das bersten will, die Luft, die bewegt wird. Alles reibt sich am Wind, nichts bleibt unberührt.
Wenn Gott wirklich jedermann ersichtlich werden möchte, wie wir es uns manchmal in Selbstgerechtigkeit uns wünschen, so täte er es wohl als Sturm oder lauer Sommerabendwind.
Wind kann auch ausgleichend sein und am Meer den Tag mit der Nacht versöhnen - oder umgekehrt?
Wind lässt uns den Kopf einziehen und verscheucht zerstreute Gedanken.
Wind kann den Atem rauben: Plötzlich fehlt uns der Sauerstoff vor dem Mund, der Nase. Was selbstverständlich immer da ist, bleibt plötzlich Wunsch, ist flüchtig, muss erbeten werden.
Wind lässt uns kauern, fördert und verlangt unsere Demut.
Wind ist aber auch Energie, Reibung, Kraft, kann Freude sein, die Sprache, mit der uns die Raubvögel zeigen, was für herrliche Geschöpfe sie sind, wenn sie auf dem Wind dahin gleiten.
Wind macht eine Feder zur tanzenden Fee, schenkt ihr scheinbar Schwerelosigkeit.
Was genügend Wind bekommt, lässt sich von Menschenhand nicht einfangen. Wind lässt sich auch nicht aufrecht erhalten, einsperren. Wind wird geschenkt oder geschickt. Mit dem Wind müssen wir leben. Auch mit seinem Ausbleiben.

Samstag, 26. Mai 2007

(mein) Baum

Das Wort ist schon so schön kurz. Und nichts symbolisiert für mich besser das Sinnbild eines geerdeten Lebens. Ein Baum hat eine lange Daseinsperspektive. Sein Wachstum geschieht langsam. Lange Jahre ist er zerbrechlich und gefährdet. Und wenn er gross ist, ragt er in den Himmel, exponiert sich, spendet Schatten, kann von Winden ergriffen werden und vom Hagel zusammen geschlagen oder von Blitzen gespalten.
Seine Rinde duftet, seine Blätter rascheln, wedeln Licht und Schatten als tanzendes Mosaik auf den Boden. Die gebildeten Wurzeln krallen sich in den Boden wie ausgebreitete Arme, zwischen denen ich mich hinsetzen kann. Geborgen. In der erfrischenden Kühle eines wissenden Lebens. Schaue ich an ihm hoch und fühle ich ihn unter mir, so staune ich über seine Weisheit und die Fähigkeit, in Erde und Luft beständig Energie zu finden und verwerten zu können. Und was er alles zurück gibt, dieser Baum. Dabei ist er ein stilles Angebot. Er ist nie fordernd, nie aufbrausend, vielleicht stolz, aber nicht anmassend.
Übersehe ich ihn, so ist es ihm gleichgültig. Gehe ich von ihm fort, so trauert er nicht, keine Beine zu haben. Er will nichts anderes, als da wo er ist, Wurzeln schlagen und Früchte bilden. Von ihm wird genommen, ihm wird gegeben. Er neigt sich und streckt sich und wiegt sich im Wind.
Er tanzt nicht von dannen aber bewegt sich zum Himmel.
Er wird beschienen, beregnet, bestürmt. Und lässt doch geschehen.
Er hält aus. Und erzählt dann Geschichten. Wenn man genau hinhört, erzählt er Dir von Dir. Von Deinen Ursprüngen und Deinem Sinn. Von Liebe und Ehrfurcht, von Gelassenheit und Gottvertrauen.
Er ist Fixpunkt am Horizont, Teil eines Waldes, Sinn eines Daseins.
Auch er wird alt. Doch bei ihm erwartet man es. Weil man seine Schönheit in diesem Altern erkennt und die eigene Ehrfurcht dabei wächst, ist er auch im eigenen Vergehen ein gütiger Begleiter.

Dienstag, 1. Mai 2007

Bergwanderung

Sie sind Teil des Horizonts, des Panoramas, von Wolken verhangen oder glänzend im Sonnenlicht. Staffage, schöne Zier. Aber Städter wie ich finden selten die Energie, sich in die Berge zu begeben. Dabei ist eine Bergwanderung nicht einfach mühsam, anstrengend. Sie ist in jedem Fall vor allem eine Konzentration auf eine Unternehmung, fordert eine Bündelung von Energien und setzt Adrenalin frei - und das ohne jegliche Kitzelung von Gefahr.
Denn das Tolle am Wandern in den Bergen ist, dass diese keine Zähne zeigen müssen, um ihre gewaltige Kraft zu zeigen. Wenn Du zwischen Bergflanken hindurch läufst, Dich vielleicht umkehrst und den Weg zurück blickst, auf dem Du gekommen bist, wenn Du im regelmässigen Tritt Höhe gewinnst und dabei den Blick auf den Weg gerichtet hältst und all die Moose siehst, die zwischen Steinfurchen hindurch drücken, dann siehst Du uns spürst Du die Macht der Natur und die Schöpfungskraft, die diese Dinge geformt hat und weiter formt.
Ich glaube, es ist vor allem das Element der Zeit, das ich dabei ganz anders erlebe, das mich am meisten fasziniert: Was sich über Jahrtausende und Jahrmillionen gebildet hat und weiter verändert, wird von mir während einem Wimpernschlag begleitet, und für eine Millionstelsekunde dieses Wimpernschlags bin ich nun genau in diesem Bewusstsein inmitten dieser gewaltigen Ewigkeit, die in sich wiederum nur ein Wimpernschlag in einem noch grösseren Kontext ist.
Und ich bin unterwegs mit einem Freund: Dieses Wandern ist mir das Liebste. Denn dieser Millionstel-Wimpernschlag, der in der Bewusstwerdung seiner Winzigkeit auch einzigartig ist, ich möchte ihn mit einem Freund erleben und diesen Moment nicht mit irgendwem teilen.
So wie wir uns für diesen Tag verabredet haben, so wie wir uns die Zeit reserviert haben, um der Zeit zu begegnen, so trug und gemeinsame Zeit hierher und wird uns auch wieder hinunter tragen. Und weiter. Wir werden immer wieder ein Stück miteinander gehen und uns erzählen, was wir zuvor gesehen haben und was wir hoffen, noch zu entdecken oder was wir suchen, vermissen und ersehnen.
Und wir können auch einfach still werden und uns irgendwo auf einen solchen Moosflecken setzen, der sich nicht grämt, just für unseren Hintern Jahrzehnte gewachsen zu sein...

Montag, 16. April 2007

Unkraut

Es wächst ausser Kontrolle. Es wuchert, stört die Ordnung. Meist dehnt es sich in der Fläche aus, macht sich breit, erstickt anderes, das wir geplant und gesetzt und gepflegt haben. Ist es rebellierende Natur oder im von menschen geschaffenen Fauna-Biotop eben auch von Menschenhand zu entfernen?
Wie steht es mit den Un-Dingen generell? Was halten wir alles für ausserhalb der Ordnung stehend, und wie fühlen wir uns selbst in dieser Rolle?
Das meiste Unkraut, das ich kenne, blüht unscheinbar. Ist es deshalb auch für mich Unkraut?
Schönes, das ich geschaffen habe, oder besser, wachsen liess, gezüchtet habe - ich will es mir bewahren, gebe ihm Raum, garantiere ihm Licht. Was ich hinsetze in die Welt, für das trage ich Verantwortung, also bin ich auch sein Gärtner. Ich meine damit nicht nur die Kinder. Ich meine auch eine Meinung. Oder eine reklamierte Haltung. Sie fordert ein Verhalten. Und die Blume muss ich giessen. Pflege - sie selektiert. Immer, im Grunde. Das einzelne lebende Wesen definiert, was liebenswert ist, und was bedrohlich. Nicht alles, was lebt, verträgt sich. Es frisst sich gegenseitig vielmehr auf. Fragt sich nur wann... Unkraut soll nach unserem Willen früher Kompost werden als die Tulpe. Während früheres Unkraut vielleicht gerade der Humus für meine Tulpe ist. Genau jetzt. Jedes Wesen hat seine Zeit und seine Schönheit.
Wer gräbt gerne im Kompost, wühlt ihn um, fördert die Gase? Nichts daran ist schön, aber was aus ihm entsteht, welche Kraft in ihm wohnt, das ist das schönste Wunder überhaupt.
Und so ist es auch bedenkenswert, einfach mal hinzusehen auf einen Flecken, was sich aus dem alten zu Kompost gewordenen Grün neu entwickelt, zu Kraut und Unkraut. Vielleicht ist es eine einzige vierblättrige weisse, unscheinbare Blüte, die irgendwo in einem verflochtenen Teppich sich zum Licht wehrt, die mir auffällt, irgendwann. An diesem einen schattigen Platz ist sie dennoch die grösste Sensation, die einzige.
Wie wir uns betrachten, was wir und wie wir uns sehen - so manches ist Geschick, weit über den Schöpfungsakt hinaus. Und kein anderes Wesen ist nach seiner Schöpfung so sehr in der Pflicht, seinen Schöpfer zu verstehen, wie der Mensch. Warum nur ist diesbezüglich das Unkraut seinem Ursprung so viel näher als wir?

Freitag, 30. März 2007

Blau

Keine andere Farbe hat wohl so viele Nuancen zu verschenken. Wer viel reist, kennt blaue Himmel zuhauf, die eben nicht einfach blau sind. Nie habe ich wohl das vollkommene Blau schon gesehen, denn immer wieder überrascht mich der Himmel aufs Neue, er, der er dann mein Himmel wird und ist. Das Gegenteil des blauen Himmels ist das Nebelgrau, das niemals die Kraft der Auslöschung meiner Erinnerung an das Blau bekomen darf. Das Weiss der Wolken hingegen ist nicht wirklich eine Bedrohung für das Himmelblau. Vielmehr ist es so, dass die scharfen Kontraste zwischen Wolkenweiss und Himmelblau einander noch schöner machen. Was wäre das Licht ohne die Schatten? Das Himmelsspiel, für seinen Tanz haben wir die Spiegel erfunden, weil uns der Schöpfer darauf hingewiesen hat, durch die Spiegelung der Himmelswolkenzüge in den klarsten und reinsten Gewässern. Das sich spiegelnde Blau vertieft den See, ohne dass uns seine grundlose Tiefgründigkeit ängstigen würde.
Wenn an meinen Gegenpolen, zu den tiefsten Gründen wie in den höchsten Sphären dieses wundervolle Blau zuhause ist, wie könnte mir dann angesichts des Lebens nicht das Herz vor Freude und Dankbarkeit aufgehen?
Blau ist erfrischend, es kühlt, aber es lässt mich nicht frieren, so lange es nicht dunkel wird oder zu Eis erstarrt. Blau ist das Wasser auf der Erdenkugel, und was in ihm ruht, lebt und unter uns leidet, wissen wir nicht, die wir den Abfall der Welt hineinschütten, bis dieses blau grau zu stinken beginnt.
Blauäugig sind wir, je weniger wir den Himmel sehen…

Strand

Ich sehe zuerst nur eine Schaumkrone, die Welle, die sich überschlägt, in sich zusammen fällt. Unsichtbare Kraft, das Rauschen, als käme es von nirgendwo und verhallte stets ohne jemals zu verklingen.
Ich rieche Salz und ich fühle Sehnsucht. Das Meer und seine Weite - es fehlt mir in meiner alpenländischen Enge. Ich mag dabei vor allem den rauhen Charakter des Strandes. Karibik-Palmen haben da nichts verloren. Zum Rauschen gehören vielmehr Wolken - und kühle, klebrige Frische zwischen den Zehen, ein Wind, der an der Jacke ruckelt und zerrt.
Die Sonne steht wie eine Schlierenfäden zeichnende Fee hinter Milchglas am Horizont und bringt ein nächstes, anderes Wetter mit. Nirgends verspricht die Welt so viel ständige Veränderung und bleibt sich doch so gleich, wie eben am Meeresstrand. Ich fühle mich geerdet und blicke in die Ferne, ohne wirklich hinaus treten zu wollen. Es ist, als würde mir dieser Stand am Wasser, die wogende tiefe Weite vor mir erst verdeutlichen, wie schön es ist, eine Wurzel zu haben, die gleichwohl in der nächsten Ebbe fortgespült werden kann.
Ich stehe auf Treibsand. Da hocke ich mich lieber hin. Selbst der sicherste Boden lebt sich eben von uns fort, verändert sich, stirbt und wird neu, immer wieder. Warum legen wir Teer über die Erde? Wir können noch so schnell über sie hinweg fliegen, wir kommen doch nicht von ihr los. Wir verlieren sie vielleicht, aber wir gewinnen niemals etwas anderes.
Die Boote am Strand, wetterig genarbt, die Salzluft in Fruchen im Holz vergraben, Seetang an den blättrig abgespreizten Farbresten. Nichts ist für ewig, alles bleibt ein Werden und Gehen. Der Mond wartet schon über der Düne, die Sonne verbleicht im schwarz werdenden Wasser. Es ist Zeit für Nahrung. Und einen guten langen tiefen Schlaf.
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